Mehr als 790 Tote nach Sturzflut im Himalaya - Befreiungsaktion für verschüttete Arbeiter
Vier Tage nach der verheerenden Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet haben die Einsatzkräfte die Suche nach Vermissten unter erschwerten Bedingungen fortgesetzt. In Nepal versuchten Retter unter Hochdruck, mehr als hundert vermutlich in einem Tunnel eingeschlossene Bauarbeiter zu befreien. Im benachbarten Tibet wurden die Bergungsarbeiten unterbrochen, weil sich durch einen Erdrutsch ein neuer See gebildet hat.
Nach jüngsten Behördenangaben erhöhte sich die Gesamtzahl der Todesopfer auf 797. Mehr als 3000 Menschen werden in dem Katastrophengebiet noch vermisst.
Die Rettungskräfte in der Region kämpften sich am Sonntag weiter durch Schlamm- und Geröllmassen. In Nepal wurde die Suche nach den verschütteten Bauarbeitern in der Nacht zum Sonntag durch heftige Regenfälle und steigende Wasserpegel erschwert.
Seit der Sturzflut vom Mittwoch wurden 933 Arbeiter vermisst, die an Baustellen von Wasserkraftwerken eingesetzt waren. Die Regierung ging davon aus, dass mehr als hundert von ihnen noch lebten und in einem der Tunnel eingeschlossen waren.
Die Suche konzentrierte sich auf die Standorte Trishuli 3A und 3B. Am Standort Trishuli 3A war es Einsatzkräften des Militärs am Samstagabend gelungen, mit Bohrgeräten den oberen Teil eines schlammverschütteten Tunnels zu durchbrechen, Luft hineinzupumpen und eine Kamera einzusetzen.
Am Sonntagnachmittag seilten sich Einsatzkräften dann durch eine Öffnung in den Tunnel ab, wie das Energieministerium mitteilte. Sie riefen demnach nach den Vermissten, erhielten aber keine Antwort.
Mit schweren Maschinen und kontrollierten Sprengungen sollte nun versucht werden, die Öffnung zu vergrößern. Mit Sauerstoffgeräten und Kameras ausgestattete Retter sollten dann in den Tunnel geschickt werden, um zu den Arbeitern vorzudringen.
Die Sturzflut hatte im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet gewütet und ganze Ortschaften zerstört. In Nepal kamen nach jüngsten Angaben des Katastrophenschutzes mindestens 781 Menschen ums Leben. Im offiziell zu China gehörenden Tibet gab es laut chinesischen Staatsmedien mindestens 16 Todesopfer. In Nepal wurden den Angaben zufolge zudem 2502 Menschen vermisst, China meldete 546 Vermisste.
Unter den Vermissten sind auch hunderte Ausländer. Dazu zählen nach Angaben der nepalesischen Tourismusbehörde mindestens acht Deutsche. Das Auswärtige Amt hatte am Freitag von einer "hohen einstelligen Zahl deutscher Staatsbürger unter den Vermissten" gesprochen.
Nach Einschätzung von chinesischen und US-Experten war das Unglück durch einen Gletscherabbruch an der Südflanke des Langtang Lirung in Nepal ausgelöst worden. Die Gletscher im Himalaya schmelzen aufgrund des Klimawandels schneller als je zuvor. Schmelzende Gletscher können Berghänge destabilisieren und das Risiko von Erdrutschen erhöhen.
In Tibet mussten die Rettungsarbeiten am Sonntag nach einem neuerlichen Erdrutsch unterbrochen werden. "Der Erdrutsch hat einen neuen Staudamm geformt, und ein neuer Stausee baut sich auf", berichtete der staatliche chinesische Sender CCTV.
Überwachungsdrohnen hätten den Erdrutsch am Samstagabend an einem Berghang knapp drei Kilometer von dem entleerten Purepuqiang-Tsangpo-Stausee entfernt entdeckt, meldete CCTV. Rettungsteams in der Nähe des Gyirong-Grenzübergangs seien in sicherere Gebiete abgezogen worden. Das Katastrophenschutz-Ministerium habe Fachleute einberufen, um die Lage einzuschätzen und zu analysieren.
In Nepal wurden derweil die ersten Opfer des Unglücks beerdigt. Zuvor waren DNA-Proben entnommen und die Leichen gekennzeichnet worden, wie die Behörden am Sonntag mitteilten. So soll es den Familien ermöglicht werden, die Leichen später für die im mehrheitlich hinduistischen Nepal üblichen Feuerbestattungen zu exhumieren.
N.Zimmermann--BlnAP