Sepsis: Warum eine Blutvergiftung so gefährlich ist und wie man sie erkennt
Die Sepsis, umgangssprachlich Blutvergiftung genannt, ist in Deutschland eine der häufigsten Todesursachen. Experten warnen vor der schnellen Entwicklung der Erkrankung und betonen die entscheidende Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose. Ein Experte listet die kritischen Warnsignale auf, die sofortiges Handeln erfordern.
Eine Blutvergiftung, medizinisch als Sepsis bezeichnet, zählt in Deutschland zu den schwerwiegendsten Gesundheitsgefahren. Mit jährlich etwa 500.000 Fällen und mehr als 140.000 Todesfällen ist sie die dritthäufigste Ursache für den Tod im Land. Laut Schätzungen der Sepsis-Stiftung könnten mindestens 190 dieser täglichen Todesfälle vermieden werden, wenn die Diagnose früher gestellt würde.
Die Erkrankung entsteht, wenn Erreger wie Bakterien, Pilze, Viren oder Parasiten in die Blutbahn gelangen. Normalerweise bekämpft das Immunsystem diese Eindringlinge gezielt. Bei einer Sepsis jedoch gerät die Abwehrreaktion außer Kontrolle: Der Körper schüttet Botenstoffe aus, die nicht nur die Erreger, sondern auch gesunde Zellen und Organe angreifen. Dies kann zu Organversagen, Schock und im schlimmsten Fall zum Tod führen.
Prof. Konrad Reinhart, Vorsitzender der Sepsis-Stiftung, weist darauf hin, dass viele Patienten versterben, weil die Diagnose zu spät erfolgt. Jede Stunde Verzögerung bei der Gabe von Antibiotika erhöhe die Sterblichkeit um 0,5 Prozent. Aus diesem Grund fordern Experten einen nationalen Sepsis-Plan zur Qualitätssicherung im gesamten Gesundheitssystem.
Dr. Matthias Gründling von der Universitätsmedizin Greifswald erklärt den Mechanismus: "Normalerweise helfen bei einer Wunde oder Entzündung Botenstoffe im Körper, Erreger in den Griff zu bekommen. Bei einer Sepsis richten sich diese Botenstoffe aber nicht nur gegen die Erreger, sondern gegen alle Zellen." Die Folge ist eine überschießende Abwehrreaktion, die fatalerweise auch gesunde Zellen und Organe zerstört. Dies kann zu Hirnschäden oder zum Absterben von Gewebe in den Gliedmaßen führen.
Hauptursachen für eine Sepsis sind häufig Lungenentzündungen, gefolgt von Harnwegs- und Bauchinfektionen. Doch auch kleine Verletzungen können der Auslöser sein. Der Bestsellerautor Stephan Schäfer (51) erlebte dies im Sommer 2022 hautnah. Ein kleiner Schnitt am Mittelfinger seiner rechten Hand, den er kaum bemerkt hatte, entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einer lebensbedrohlichen Situation.
"Ich habe mich an dem Tag topfit gefühlt, dann hatte ich plötzlich Fieber, Schüttelfrost und Schmerzen", berichtet Schäfer. Der Schmerz wurde so intensiv, dass er nachts zu Fuß ins 400 Meter entfernte Krankenhaus lief. Dort diagnostizierten die Ärzte eine nekrotisierende Fasziitis, eine seltene, extrem schnell fortschreitende bakterielle Weichteilinfektion, verursacht durch Streptokokken. Eine Notoperation und eine Antibiotikatherapie retteten ihm das Leben, wobei seine Überlebenschance laut Ärzten bei nur 50 Prozent lag.
Schäfer lag eine Woche im Krankenhaus und musste anschließend über sechs Monate alle zwei Tage nachbehandelt werden, da die Wunde nicht verheilen wollte. Eine Amputation des Fingers stand immer wieder zur Debatte. Seine Erfahrung hat er in seinem neuen Roman "Jetzt gerade ist alles gut" verarbeitet, um aufzuklären und Hoffnung zu geben.
Die Überlebenschancen bei einer Sepsis hängen maßgeblich von der Zeit ab, die bis zur Behandlung vergeht. Werden Patienten innerhalb der ersten Stunde behandelt, überleben 90 Prozent. Nach fünf Stunden sinkt diese Rate auf etwa 60 Prozent, und nach 36 Stunden erholt sich nur noch jeder Fünfte wieder.
Die Früherkennung ist daher entscheidend. Zu den Verdachtszeichen einer Infektion gehören Fieber oder Schüttelfrost, Husten, Kurzatmigkeit, Atembeschwerden, Halsschmerzen, Bauchschmerzen, druckschmerzhafter Bauch, häufiges oder schmerzhaftes Wasserlassen, trüber Urin, Schmerzen seitlich am Rücken, Ohrenschmerzen, steifer Nacken, starke Kopfschmerzen, gerötete oder erwärmte Haut, Eiteransammlungen (Abszesse), Schmerzen im Mund oder Kiefer sowie Wirbelsäulenschmerzen.
Zusätzliche Anzeichen, die eine Sepsis sehr wahrscheinlich machen, sind Verwirrtheit, Wesensänderung, Apathie, mehr als 20 Atemzüge pro Minute und ein oberer Blutdruckwert von weniger als 100. Akute Lebensgefahr signalisieren ein nie gekanntes Krankheitsgefühl, ein veränderter Puls (unter 50 oder über 120 pro Minute), feucht-kalte oder marmoriert aussehende Haut sowie extreme Schmerzen.
Dr. Gründling rät Patienten, im Falle solcher Symptome das Wort "Sepsis" explizit gegenüber dem Arzt oder Notarzt zu nennen, um diese für die Gefahr zu sensibilisieren. Die Erkrankung kann jeden treffen, betrifft jedoch vor allem ältere Menschen, da deren Immunabwehr schlechter funktioniert und sie häufiger Vorerkrankungen oder immunsuppressive Medikamente haben. Auch Säuglinge sind gefährdet, da ihr Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt ist.
Folgen einer überstandenen Sepsis können langwierig sein. Viele Überlebende leiden unter Müdigkeit, kognitiven Einschränkungen, Depressionen und chronischen Schmerzen. Die Berufs- und Leistungsfähigkeit kann stark eingeschränkt sein, und ein Drittel der Patienten wird pflegebedürftig. Nicht selten kommt es im Krankheitsverlauf zur Amputation von Gliedmaßen.
Der beste Weg zur Vorbeugung ist die Vermeidung von Infektionen bzw. deren konsequente Behandlung. Impfungen helfen besonders kleinen Kindern, Älteren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Auch die Desinfektion von Wunden kann dazu beitragen, Infektionen zu vermeiden. Stephan Schäfer fasst seine neue Perspektive auf das Leben zusammen: "Durch die Sepsis habe ich einen neuen Blick auf das Leben gewonnen: Heute finde ich die Schönheit in den kleinen Momenten."
F.Lang--BlnAP