Hunderttausende Teilnehmer und heftige Zusammenstöße bei Protesttag in Frankreich
Hunderttausende Teilnehmer, Gebäude in Flammen, Tränengasschwaden und dutzende Festnahmen: Am landesweiten Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem ist es zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Nach Angaben der Organisatoren gingen am Samstag rund 800.000 Menschen im ganzen Land auf die Straße. Von Marseille bis Lille kam es dabei zu Ausschreitungen, mehr als 272 Menschen wurden festgenommen. In Saint-Etienne verlor erneut ein Demonstrant durch eine Polizeigranate seine Hand.
In Marseille an der Mittelmeerküste drangen mehrere dutzend Menschen in die Eingangshalle des Rathauses ein. "Es ist Revolution! Wir stürmen die Bastille", riefen die Demonstranten, wie ein AFP-Reporter beobachtete. Wenig später wurden sie von der Polizei vertrieben. In der Innenstadt wurden Dutzende Geschäfte geplündert. In Lille im Norden brachen Demonstranten mehrere Eingänge des Rathauses auf und verwüsteten einige Räume, wie ein AFP-Journalist berichtete.
In Lyon ging ein Tourismusbüro in Flammen auf, rund 40 Menschen versuchten nach Behördenangaben, den Verkehr auf einer Brücke zu blockieren. Nahe der Universität trieb die Polizei rund 300 Demonstranten mit Tränengas auseinander.
In Paris versammelten sich am Platz der Republik am Nachmittag die Menschen zu einer Großdemonstration. Einige zündeten dabei Feuerwerkskörper. Viele Teilnehmer waren schwarz gekleidet und vermummt. Die Polizei setzte mehrmals Tränengas und Wasserwerfer ein, um die Menge auseinanderzutreiben. Dennoch setzte sich der Protestzug durch die Hauptstadt in Bewegung.
Später brannten in dem Viertel rund um den Platz der Republik Mülltonnen und Zeitungskioske, schwarzer Rauch und Tränengas lagen in der Luft. Zwei Demonstranten kletterten auf die Mariannenstatue und legten ihr eine gelbe Weste um, auf der zu lesen war: "Die Polizei verstümmelt Schüler."
Sie spielten damit auf die "Gelbwesten"-Bewegung an, die 2018 mit Protesten gegen die Erhöhung der Kraftstoffsteuern landesweite Massendemonstrationen ausgelöst hatte. "Dieses Mal werden wir gewinnen und dieses System stürzen", sagte die "Gelbwesten"-Aktivistin Marjorie Keters der Nachrichtenagentur AFP.
"Ich bin jung. Ich habe studiert. Ich habe kein Einkommen. Unser Planet brennt. Und wir haben eine Regierung, die sich einen Dreck um uns schert", sagte die 24-jährige Studentin und Demonstrantin Anaé.
Gegen Mittag gab das Innenministerium die Zahl der landesweiten Festnahmen mit 272 an. Die Präfektur von Paris meldete 191 Festgenommene in der Hauptstadt, von denen 90 Prozent volljährig seien.Die Gewerkschaft CGT rief die Regierung mit Blick auf die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten dazu auf, die "Repressionen" einzustellen.
Auch in anderen Städten gab es Protestaktionen. In Rennes in der Bretagne errichteten rund 20 Menschen Straßenblockaden in der Nähe eines Einkaufszentrums. In Rouen wurde ein Universitätsgebäude durch ein Feuer beschädigt. In La Rochelle hielten Demonstranten ein Plakat mit der Aufschrift: "Revolution oder Tod".
Im Rahmen des Protesttags waren landesweit 1500 Aktionen, Demonstrationen oder Blockaden auf einer eigens dafür eingerichteten Website angekündigt, darunter Kundgebungen, Versammlungen auf Kreisverkehren, Straßensperren sowie Blockaden von Bahnhöfen, Brücken, Mautstellen, Tankstellen oder Raffinerien. Vielerorts verliefen die Proteste friedlich.
Bei "extrem schweren Ausschreitungen" hatte Innenminister Nuñez auch den Einsatz von Blendgranaten nicht ausgeschlossen. Dies war nach schweren Zwischenfällen bei den Schülerprotesten zuletzt ausgesetzt worden.
In Saint-Etienne wurde einem Demonstranten am Samstag durch eine Granate die Hand abgerissen, wie AFP aus Polizeikreisen erfuhr. Ob es sich um eine Blendgranate oder eine Tränengasgranate handelte, war unklar. Bereits in der vergangenen Woche hatte ein 15-Jähriger seine linke Hand verloren, als vor seiner Schule in Lens eine Blendgranate explodiert war.
Die Schüler in Frankreich fordern bei ihren seit Mitte September andauernden Protesten mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung. Die Proteste ereignen sich vor dem Hintergrund der Debatte um einen Sparhaushalt, den die Regierung durchs Parlament bekommen will. Dieser sieht auch Kürzungen im Bildungsbereich vor.
Im kommenden Jahr finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt. Amtsinhaber Emmanuel Macron kann nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal antreten. Oppositionspolitiker, die seine Nachfolge anstreben, äußerten sich zu den Protesten: "Plünderungen, Raubzüge, Angriffe auf die Polizei – Randalierer haben die Demonstrationen vom 17. Oktober gegen die hohen Lebenshaltungskosten erneut in Verruf gebracht", erklärte die Rechtspopulistin Marine Le Pen bei X. Die Forderungen der Demonstranten seien "von der extremen Linken gekapert" worden, betonte sie.
Jean-Luc Mélenchon, Chef der linken Partei LFI betonte seinerseits, die meisten Demonstrationen seien "friedlich verlaufen". Er warf den Medien vor, "uns mit Bildern von Gewalt zu überschütten".
N.Mahnke--BlnAP